Sie fliegen gegen den Hagel


Sie fliegen gegen den Hagel
Von Uwe Westphal 28. August 2003, 00:00 Uhr Abendzeitung

Wenn ein Gewitter heraufzieht, schlägt die Stunde der vier Piloten im Landkreis Rosenheim. Sie impfen die dunklen Wolken mit Silberjodid.

Am späten Nachmittag braut sich über dem oberbayerischen Landkreis Rosenheim etwas zusammen. Tiefschwarze Gewitterwolken türmen sich bedrohlich auf. Bei diesem Wetter macht Georg Vogl (45) auf dem Flugplatz Vogtareuth, 20 Kilometer nördlich der Stadt Rosenheim, seine "Partenavia P 68" startklar, ein zweimotoriges Sportflugzeug. Sein Ziel: die Gewitterwolke. Georg Vogl ist ein "Hagelflieger". Er will versuchen, die Wolke mit Silberjodid zu "impfen", um auf diese Weise ein mögliches Hagelunwetter zu verhindern oder wenigstens abzuschwächen. Schon oft hat es den Landwirten und Obstbauern der Region die Ernte verhagelt. Und nicht nur das: Im Jahr 1984 richtete ein verheerender Hagelschlag in der Metropole München einen Versicherungsschaden von rund 750 Millionen Euro an. Hagelkörner, teilweise so groß wie Tischtennisbälle, demolierten Häuser, Autos und Flugzeuge und verletzten auch Menschen. Diesen Naturgewalten rücken die Rosenheimer Hagelflieger zu Leibe: Einsatzleiter Vogl und drei weitere ehrenamtliche Piloten. An Bord seines Flugzeugs hat Georg Vogl in Aceton gelöstes Silberjodid, ein Salz, das aus der Fotografie bekannt ist. "Silberjodid hat eine ähnliche Struktur wie Eiskristalle", erklärt er. "Hagelkörner bilden sich, indem unterkühlte Wassertröpfchen in der Wolke sich an winzigen Eiskristallen anlagern. Sind nur wenige solcher Kristallisationskeime vorhanden, können die Hagelkörner gefährlich groß werden. Wir bringen gezielt künstliche Kristallisationskeime aus." Die Folge ist, dass anstatt weniger großer Hagelkörner viele kleine Körnchen oder auch nur schwere Regentropfen entstehen. Wenn die "Partenavia" die Untergrenze der Gewitterwolke erreicht, braucht Vogl seine gesammelte Erfahrung aus 23 Flugjahren: Heftige Turbulenzen rütteln an den Tragflächen, die Sicht ist häufig gleich Null. Nicht selten bockt das Flugzeug wie ein widerspenstiger Mustang. "Die Maschine hält schon was aus, aber Flugfehler werden nicht verziehen", sagt der Hagelpilot trocken. Heftige Aufwinde mit einer Geschwindigkeit von bis zu 40 Metern pro Sekunde sind in einer Gewitterwolke keine Seltenheit. Sie reißen das fast zwei Tonnen schwere Flugzeug wie in einem gigantischen Fahrstuhl nach oben. Das ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um die Silberjodid-Lösung "rauszubrennen", wie Georg Vogl sagt. Die Flüssigkeit in den beiden Tanks unter den Tragflächen wird in Brennkammern gespritzt. Bei dem Verbrennungsprozess entstehen Temperaturen von 800 bis 1100 Grad. Sie sind notwendig, um mikroskopisch kleine Kristalle zu erzeugen, die dann unter hohem Druck als feiner Nebel ausgestoßen werden. Pro Gramm Silberjodid entstehen so mehrere Billiarden Kristallisationskeime, an denen die Feuchtigkeit der Wolke zu Regentropfen kondensieren kann. Die Tanks enthalten je zwanzig Liter Lösung, das entspricht etwa einem Kilogramm reinem Silberjodid pro Tank. Das Prinzip, Wolken mit Silberjodid zu impfen und dadurch zum Abregnen zu bringen, wurde bereits vor mehr als 50 Jahren in den Vereinigten Staaten entwickelt und wird seitdem regelmäßig in vielen Ländern angewandt. "Aber Regen machen ist eine Sache, Hagelkontrolle eine ganz andere", sagen Kritiker wie Hartmut Höller, Atmosphärenphysiker am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Die meteorologischen Verhältnisse in einer normalen Wolke sind überschaubar. Aber die Prozesse in einer Gewitterfront sind viel zu komplex und zu energiereich, um sie gezielt beeinflussen zu können", so Höller. Es sei "reiner Zufall, wenn es mal funktioniert". Eine sechsjährige Studie des DLR im Auftrag des Landkreises Rosenheim als Träger der Hagelabwehr konnte keinerlei Auswirkungen auf das Hagelgeschehen nachweisen. Trotz des negativen DLR-Gutachtens hält der Landkreis Rosenheim am Hagelfliegerprogramm fest. 1994 wurde auf Initiative des Landrats der "Verein zur Erforschung der Wirksamkeit der Hagelbekämpfung" gegründet. 2004 sollen erste Ergebnisse vorliegen. Doch Georg Vogl ist sich jetzt schon sicher: "Die Hagelabwehr hat einen positiven Effekt." Das hätten auch 20-jährige Messreihen seiner Kollegen aus Niederösterreich gezeigt. Unerlässlich sei der punktgenaue Einsatz, betont Vogl: "Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtige Menge Silberjodid ausbringen". Um das zu erreichen, überlassen er und seine Kollegen nichts dem Zufall. Das private Wetterinstitut "Meteos" liefert laufend kleinräumige Auswertungen von Radar- und Satellitenbildern. An ihnen erkennen die Hagelflieger die Hagelwahrscheinlichkeit und die gefährlichen "Hagelzellen" innerhalb der Gewitterwolken. Wissenschaftler der Universität München messen zudem elektrische Entladungen in der Atmosphäre, die einem Gewitter vorausgehen. Diese Daten nutzen die Hagelflieger als Frühwarnsystem. Denn: "Wenn sich in der Wolke erst Hagel gebildet hat, nützt der Einsatz nichts mehr. Wir können nur vorbeugen", so Vogl. Der vorbeugende Effekt lasse sich in der Unwetterschadenstatistik nicht erkennen, sagt Ernst Rauch von der Münchner Rückversicherung. Aber die Hagelfliegerei sei ohnehin ein "politisches Thema". Und Hans-Friedrich Graf vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie lästert gar: "Der Erfolg der Hagelabwehr ist vor allem eine Frage des erfolgreichen Marketings." Doch wenn Georg Vogl nach zweistündigem Einsatz auf dem Flugplatz Vogtareuth landet, ist er zufrieden: Einmal mehr hat der Hagel den Kreis Rosenheim verschont.